Mainz und die Charta der Vielfalt

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Am 5. Juni 2018 war Mainz Ausrichter des bundesweiten Diversity-Tages. Der Zuschlag für die rheinlandpfälzische Landeshauptstadt war kein Zufall. Seit 2012 engagiert sich die Stadtverwaltung Mainz in der Charta der Vielfalt. Die Organisation hatte sich im Jahre 2006 mit dem Ziel gegründet, für die Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Menschen einzutreten, und zwar ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Konfession, ihres Alters, ihrer Behinderung, ihrer Überzeugung, ihrer sexuellen Orientierung und ihres Geschlechts einzutreten.

Die Organisation wendet sich vor allem an Arbeitgeber, die sich der Initiative anschließen können und mit ihrer Unterschrift sich ihren Grundsätzen verpflichten. Damit einher gehen der Abbau von Barrieren und Diskriminierungen im Betrieb sowie bei Einstellungen. Jeder Mitarbeiter wird wertgeschätzt und nach seiner Leistung und nicht nach seinen äußeren Faktoren beurteilt. Arbeit und Leben in Mainz für jeden so angenehm wie möglich zu gestalten, ist damit Aufgabe und Herzensangelegenheit der Bewegung.

Unterschiedliche Talente bündeln

Neben wichtigen moralischen Bezügen steht hinter der Charta der Vielfalt ein ausgeklügeltes theoretisches Konzept, mit dem die Bewegung nachweist, dass sich die Anerkennung und Perzeption von Diversität positiv auf den Arbeitsalltag und die Unternehmen auswirkt. Die Charta verweist darauf, dass Mitglieder, die sich wertgeschätzt fühlen, sich stärker mit der Firma identifizieren und ihre Arbeit motivierter ausführen. Vielfalt zu akzeptieren helfe zudem dabei, unterschiedliche Talente und Fähigkeiten zu bündeln und für das Unternehmen nutzbar zu machen. Rosa Luxemburgs: „Jeder nach seinen Leistungen, jeder nach seinen Fähigkeiten“, soll unter umgekehrten Fähigkeiten Realität werden. Auch das ist eine Ironie der Geschichte.

Die Erfolge können sich sehen lassen

Die Erfolge der Antidiskriminierungsbewegungen lassen sich durchaus sehen. Frauen sind Männern rechtlich gleichgestellt, Behinderte haben auch in Deutschland gesetzlich verbriefte Rechte, während sie durch die Politik der Inklusion zunehmend zusammen mit Nichtbehinderten lernen und arbeiten können. Die Religionsausübung ist ebenso gewährt wie das Nichtpraktizieren religiöser Rituale. Ältere Mitarbeiter genießen im Betrieb besondere Rechte, so zum Beispiel einen besonderen Kündigungsschutz, das Recht auf mehr Urlaub und den Schutz vor Schichtarbeit. Zu den Schutzleistungen für ältere Mitarbeiter wie auch für Mitarbeiter mit Handicap gehört zum Beispiel das Recht auf alters- und behindertengerechte Technik. So können die Stühle bei Menschen mit Rückenproblemen angepasst und die Computer bei Menschen mit Sehschwäche mit einer Lupenfunktion bzw. mit einem vergrößerten Schriftbild ausgestattet werden, anstatt ihnen einfach zu kündigen oder sie gar nicht erst einzustellen.

Die Errungenschaften von Vernunft und Aufklärung unter Beschuss

Die Erfolge der Antidiskriminierungsbewegung stehen derzeit unter einem reaktionären globalen Gegenwind. Namen wie Donald Trump, die europäische Rechte sowie die autokratische Entwicklung in Ländern wie Russland, der Türkei, Philippinen und Brasilien stehen für diese Gegenbewegung. Den Auffassungen dieser Akteure nach sei das Eintreten für die Rechte von Minderheiten im Kern schwaches und dekadentes Gutmenschentum. Um ihre eigene Amoralität zu rechtfertigen, denunzieren sie Liberale jeglicher Colour mit dem Verdikt, ihre eigene Moralität lediglich wie eine Monstranz zur Schau zu tragen, um sich selbst gegenüber anderen zu erhöhen. Die Folge dieser Gegenbewegung ist, dass die Hemmschwellen fallen. Dinge, die früher mit einem schlechten Gewissen behaftet waren, werden immer offener verübt, und zwar in Wort und Tat. Das gesellschaftliche Klima wird vergiftet, Minderheiten müssen wieder stärker psychische und physische Gewalt fürchten.

Es bleibt viel zu tun

Zum einen macht der Beschuss durch die reaktionäre Gegenbewegung auf dem ganzen Globus die Verteidigung der Minderheitenrechte erforderlich. Zum anderen gibt es auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung Nachholbedarf. So verdienen Frauen in Deutschland immer noch 21 % weniger als Männer, was auch dadurch beängstigend ist, dass der Wert seit Jahren konstant bleibt und sich nicht mehr zum Positiven entwickelt. Überdies hat die Agenda 2010 ausgerechnet unter der rotgrünen Bundesregierung Schröder ein Heer an rechtlosen Ein-Euro-Jobbern geschaffen, die als eine Art Parias der Willkür und den Schikanen ihrer Vorgesetzten hilflos ausgeliefert sind und trotz harter Arbeit einen Status aufweisen, der sie für ihren weiteren Lebensweg stigmatisiert. Bei der SPD, die seit den Reformen Schröders bereits zwei Drittel ihrer Wählerschaft verloren hat, ist allerdings ein Umdenken eingetreten. Führende SPD-Politiker halten Hartz 4 für nicht mehr zeitgemäß und haben öffentlich das Ziel verlauten lassen, das traumatisierende System abzuschaffen, damit niemand mehr gefährdet ist, in das Bodenlose abzustürzen.

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