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Satire
....und Schuld sind die Bienen (Hajo Freese) |

Ja, jetzt wissen wir es: Schuld an allem sind nur die Bienen! Sie fliegen dieses Jahr nicht mehr so fleißig wie sonst, nicht etwa weil sie zu lange auf die restliche deutsche Arbeiterschaft geschielt hätten, nein, nein nicht deswegen... sie sind einfach tot! Gestorben!
Eine böse kleine Milbe aus dem asiatischen wurde hier eingeschleppt, mit ausländischen Bienen zusammen, die zur Aufbesserung der Arbeitsmoral der deutschen Biene von habgierigen Imkern eingeführt wurden. Das kommt davon, wenn man im Ausland produziertes unbesehen hier einsetzt. Die Biene „made in Germany“ ist halt doch ein Qualitätsprodukt! Nachdem die weißen deutschen Tauben merkelwürdig mutiert sind durch das Virus bellum americano und deshalb nicht mehr fliegen, sind nun die deutschen Bienen mit ihrem sprichwörtlichen Bienenfleiß dran. Bedroht und dahingerafft sozusagen durch eine Seuche, einer SARS bienus milbae.
Ja, wenn es nur die Bienen wären! Aber da hängt die ganze deutsche Wirtschaft dran. Die Biene bestäubt die Apfelblüten im Harlinger Land ebenso wie die Akazien, die ja so leckeren Honig hergeben, oder leider: jetzt eben nicht mehr hergeben. Das hat dramatischen Einfluss auf den Sex der Deutschen... nichts mehr mit der Ziffer 69. Die Branche befürchtet erhebliche Umsatzrückgänge auf Grund der nachlassenden sexuellen Betätigung der deutschen Bürger. Der Gynäkologe nebenan hat schon vorsorglich eine MTA entlassen – vorbeugen ist besser als pleite gehen.
Raps, Roggen, Birnen, alles wird ausbleiben, das heißt: kein Öl, kein Brot und kein Obst, keine Weintrauben – fast hätte ich sie vergessen. Kein deutscher Wein mehr, oh Gott, oh Gott! Ja, die Liste ist unendlich lang und die deutsche Fastenzeit wird sich in der nachkoh(o)lischen Ära dramatisch verlängern. Nicht mehr drei Wochen Wolfgangsee! Rezessiver nüchterner Dauerzustand.
Da hoffen die Imker jetzt auf einen harten Winter, der die Milbe zerstören würde! Was heißt hier hoffen? Ich weiß, dass der nächste Winter hart wird, ob mit oder ohne Bienen.
Warum trifft das nicht mal Kolumbien mit seinen Mohnfeldern? Da sind die Bienen resistent! Nur die deutsche Biene ist so anfällig gegen solche Krankheiten, das ist das Problem.
Die Bauern entlassen ihre Knechte, der Handel schließt die Pforten, die Bäcker backen nur noch ganz kleine Brötchen! Ja, ja, ihr müsst nur mal die Verkettung weiterdenken, immer mehr nutzlose Arbeitslose, die nichts kaufen, die nicht mehr Auto fahren und deswegen auch die Renten schädigen. Harter Kruppstahl wird nicht mehr gebraucht, Blech wird nicht mehr gebraucht, das wird nur noch geredet.
Das Hochwasser bei Dresden war dagegen nur eine Bagatelle! Geht’s der deutschen Biene schlecht, geht es ganz Deutschland schlecht und kein Insektizid weit und breit, was da helfen könnte, denn was der Milbe schadet, bringt auch die Biene um.
Da ist es abzusehen, wann wir unseren letzten Zwickel umdrehen und dann folgen logischerweise die Pleitgens: „Wir wussten es immer schon“!
Bei einem harten Winter und den wenigen Bienen kann es auch keine Eicheln geben, ja, auch die deutsche Eichel ist in Gefahr, sie war bekanntermaßen das exzellenteste Schweinefutter. Auch die Schweine müssen jetzt sparen, müssen richtige Sparschweine werden. Dabei können sie allerdings nicht fett werden, denn dies Sparen ist nicht gleichbedeutend mit „Eicheln auf die hohe Kante“ legen, sondern heißt verzichten, fasten, vom Munde absparen, die Schnauze nicht mehr so voll nehmen. Abspecken ist angesagt, verschlanken..... und flexibel müssen wir werden bei der Suche nach neuen Nahrungsquellen.
Die weißen gebratenen Tauben fliegen uns nicht mehr in den Hals und deshalb müssen wir mobil werden, auf Nahrungssuche gehen: das Wandern ist des Müller’s Lust... zu Fuß durch Deutschland auf der Suche nach der täglichen Mahlzeit. Eine Scheibe Brot und ein Glas Milch wird zur Köstlichkeit! Und dafür tun wir alles! Also auf, auf, Mädel und Burschen, das warme Wams angezogen, den Gürtel eng geschnallt und frisch drauf los marschiert, soweit die Füße tragen... und solange es geht. Arbeit gibt es überall, nur nicht da, wo wir gerade sind.
Wahrscheinlich werden wir auch die deutschen Grenzen überschreiten müssen, am besten in Richtung Osten, denn da werden wir vertraute Firmennamen wiederfinden und die uns so lange vertraute Arbeit. Da heißt es nicht mehr „Made in Germany“, sondern „Nomade aus Germany“! In diesen Ländern fliegen die Bienen noch und bestäuben die Existenzgrundlagen und produzieren nebenbei auch noch den leckeren Honig. Auf nach Osten. Früher hieß es Volk ohne Raum, doch nun werden wir ein Volk ohne Brot! „Und ab trimm ho“ (Zitat, Hans Albers), bloß weg von hier, dahin, wo Milch und Honig fließen.
Gewiss ist immerhin eins: wenn die letzte deutsche Biene gestorben ist, stirbt auch die letzte saugende Milbe. Und dann werden wir mit Bienenfleiß neue Bienen züchten und dann fangen wir noch mal ganz von vorne an und dann machen wir alles besser und dann bauen wir wieder einen Juliusturm und dann sparen wir in der Zeit, denn dann haben wir in der Not.
© 2003 Hajo Freese
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