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Satire

Albtraum eines Arbeitslosen (Hajo Freese)

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Albtraum eines ArbeitslosenQuelle: pixelio.de

Zähltag in der Anstalt mit dem großen roten [A], links am Eingang steht ein Blumenkübel mit welken Vergissmeinnicht. Festlich ist der Vorbeimarsch nicht, kein klingendes Spiel, keine Bratwurstbude oder die gute alte Gulaschkanone.
Hinter den Mauern der Anstalt strickt ein hochqualifiziertes Team fieberhaft Tarnkappen, mit denen man die Arbeitslosen unsichtbar macht.

 

"Der Reihe nach vortreten!" Ich bin dran. Man hält mir den Tarnkappen-Erlass SG III § 428 zur Unterschrift vor die Nase. Wer nicht unterschreiben will, dem werden Sanktionen angedroht, sinnlose Lehrgänge...
Leergänge! Berufsertüchtigungsmaßnahmen in Arbeitslosen-Spottgruppen. Ich wehre mich, man droht mir mit sechswöchigem Leergang.

Eine Woche Berufsertüchtigung reicht, ich unterschreibe. Wer unterschreibt, muss morgen nicht mehr marschieren, der darf seine Arbeitslosigkeit zuhause ertragen und wird nicht mehr im all monatlichen St. Florians-Gebet erwähnt. Langzeitarbeitslos ab 58. Gott sei Dank, da hat die CDU mal etwas Brauchbares gemacht! Die Gnade der frühen Geburt. Aussortiert unter Aussortierten, nicht einmal mehr gezählt.
Warten, warten, gezählt werden, vielleicht ist ja einer gestorben oder hat gar Arbeit? Alle bekommen jetzt eine Anstecknadel mit dem großen roten [A]. "Corporate identify", zur besseren Wiedererkennung. Alle sollen gleich sehen, wer die Gemeinschaft belastet.

Endlich ist es überstanden und als ich zum zweiten Anstaltstor wieder hinaus marschiere, fällt mein Blick auf einen spiegelverglasten Bau, der globale Ausmaße hat. Hinter den stahlblau schimmernden Scheiben zählen humanoide Wesen mit. Die leisen Stimmen dieser Wesen kann man nicht hören. Zweireihig gutbetucht und fernglasbewaffnet flüstern sie wohl:"Es sind noch nicht genug."
Ja, die skrupellosen Nadelstreifler der Allianz des Geldes zeigen uns schon, wie es wieder "aufwärts geht mit der Deutschland AG", zu den Bedingungen der Skrupellosen versteht sich, auf deren Gebäude auch ein großes [A] prangt, allerdings ein blaues.

Am Ausgang stehen kamerabewaffnete Sozialtouristen, die sich eine Portion Wohlbefinden abholen, weil sie nicht mitmarschieren müssen - noch nicht. Hinter der gaffenden Menge hat ein Jahrmarkt eröffnet, Buden, die alles mögliche anpreisen. Da hält einer preiswerte Sozialhängematten wohlfeil, an einer Bude werden Lose verkauft, Arbeits-Lose... jedes fünfte Los gewinnt... angeblich. Haha, Arbeitlose verkaufen Arbeits-Lose, ein Mini-Job aus der Lostrommel. Heimarbeit, angeboten von Bauernfängern.
Jobzuhälter suchen Vermittlungsgutscheine und bieten prozentuale Beteiligung, die Skrupellosen vom blauen [A] werben mit Arbeit, die vom roten [A] bezahlt wird. "return of investment". "Sklaverei" brüllt da einer und "Ausbeutung"..... so ein Blödsinn! Ein großes "labourynth" ist aufgebaut, da soll ein Job versteckt sein. Großer Andrang, teurer Eintritt... am Ausgang lange Gesichter. Dort vertickt ein Dealer unter der Hand "Schwarzes".

Der erfahrenen Marschierer entflieht, irgendwohin, egal, nur weg. Ich auch. Ich brauche jetzt Ruhe, muss mit meiner Wut fertig werden.
Das Elend in Deutschland hat einen Namen, oder besser 5 Millionen Namen. Sorge Dich nicht, reg' dich nicht auf, lebe heute... jetzt... nicht morgen! Morgen müssen die Anderen wieder marschieren. Ich nicht, denn ich habe unterschrieben. Doch was mache ich morgen? Morgen?
Morgen ist nur noch ein Wort.
Ich werde wach, habe nicht gut geschlafen, hatte wieder diesen Albtraum. Gott sei Dank nur ein Albtraum! Ganz sicher!
© 2002 Hajo Freese


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