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Satire
Der EuroJobber (Hajo Freese) |

Meine Geschichte ist schnell erzählt. Durch Zufall, heute könnte ich auch sagen, durch unglückliche Umstände geriet ich an eine Bande von Abzockern und Jobzuhältern, die ihre wahre Absicht und ihr Tun sehr geschickt verbergen. Nebenbei, die kommen nicht aus der Ukraine! Mit Slogans wie: „Tu Dir was Gutes, tu was für andere“ oder „Tu was für Deutschland“ vermittelten sie mir das Gefühl, wieder nützlich sein zu können, einen neuen Halt im Leben zu bekommen.
„Nicht der materielle Lohn sei entscheidend, sondern mehr das Erlebnis der Selbstwertwiederfindung und das Erreichen einer neuen spirituellen Bewusstseinsebene eines beglückenden Arbeitslebens“ sagten sie immer wieder.
Ich war begeistert und machte mich auf den Weg. Ich suchte mir freiwillig einen solchen Job. Fünf Stunden täglich, dreißig Stunden die Woche brauchte man mich (!) und meine Kenntnisse im Marketing. Der Verein für Notrufe und Seniorenbetreuung hatte es nötig – meine Arbeit und die staatlichen zweihundert Euro Verwaltungsaufwand für die Vereinskasse.
So viel Arbeit, so viel zu tun, allein konnte ich das nie schaffen. Also machte ich mich abermals auf in das Büro der Zuhälter (was ich damals aber noch nicht wusste) und bat um weitere Eurojobber. Meine Sorge wegen abschlägigen Bescheides erwies sich als völlig unbegründet. Ruck zuck, saßen mit mir noch vier andere im Büro und halfen mir, Gutes zu tun. Und wir waren verdammt gut und die tausend Euro Verwaltungsaufwand taten der Vereinskasse jeden Monat gut.
Jeden Morgen zum Arbeitsanfang erst mal eine Motivationsminute, wir summten gemeinsam die alte Volksweise „was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin.. “ und machten uns an die Arbeit: Plakate gestalten, Sammelbüchsen kaufen, auf dem Marktplatz damit klappern und sammeln, dreihundert Briefkästen täglich mit Flyern bestücken.
Die „Ein-Euro-Engel“ titelte eine Zeitung mit BILD über unser Team, eine Reporterin im warmen WAMS kam, das Fernsehen auch. Wir lächelten auch wie Engel in die Kamera, schoben Rollstühle, fuhren Einsätze, machten PR-Texte und verteilten auch bei Gesäßkälte und strömendem Regen tausende Flyer.
Irgend ein „Neider“ meinte irgendwann, ich würde anderen den Job klauen! Mein einer Skatbruder sprach angelegentlich von „Sozialstrichern“ und „Arbeitsstrichern“. Er arbeitet bei einer Kommune und wusste nicht, dass ich mich angesprochen fühlen musste. Im Fernsehen sagte einer abfällig: „...diese Grashalmausrichter...“! Die Negativ-Kommentare häuften sich.
In Berlin schrie ein Spediteur Zeter und Mordio: eine Kommune musste umziehen und der Unternehmer durfte nur noch einen Wagen mit Fahrer schicken. Vorort hätten schon dreißig Eurojobber gestanden, um die Möbel zu schleppen...haben auch viel kaputt gemacht... willig waren sie ja...aber...! In Dessau rissen Eurojobber ein Haus ab, damit die Kommune das Grundstück an einen Investor verkaufen konnte.. usw....usw.
Ganz langsam sickerte neue Erkenntnis bei mir ein, trotz meines spirituellen Schwebezustands. Sollte da was dran sein? Raubten wir anderen die Arbeit? Waren wir vielleicht Job-Robber? Auch den „Kollegen“ ging das so und wir sprachen darüber. Wir fingen an nachzudenken. Ein ministerieller Erlass aus Sachsen-Anhalt half uns dabei. Da sollen Eurojobber nicht nur gemeinnützig sondern richtig... und auch nicht nur Arbeit, die sonst nicht getan würde... Moment! Arbeit, die nicht getan wird? Kann doch gar keine Arbeit sein? Physik 10. Klasse.. Kraft x Weg.. oder so. Arbeit, die eigentlich keine Arbeit ist? Hatte das mit dem Wert zu tun, mit dem Wert meiner Arbeit?... also in diesem Fall mit meinem Wert?... weil ich mich ja über Arbeit definiere? Wird hier Arbeit aus dem Arbeitsmarkt ausgegliedert und zu Aufwand erklärt, der eigentlich nicht nötig ist?... zu unserem eigenen Schaden? Trieben wir nur Aufwand oder sollten durch Beschäftigung therapiert werden? Warum wurden wir entschädigt und wofür? Waren wir da alle einem Guru aufgesessen?
Die Erkenntnis war bitter und nun forderten wir richtige Arbeit, wollten unseren Mehraufwand als Arbeit verstanden wissen, wollten wenigstens erreichen, dass die „Mehraufwandsentschädigung“ umbenannt würde in Arbeitsbelohnung....wie im Gefängnis. Uns war doch auch die Eingliederung in den Arbeitsmarkt versprochen worden.
Doch das hätten wir besser nicht tun sollen: das Maul aufgemacht... und rausgeflogen. Ruck zuck!
Immerhin...nur rausgeflogen. Früher wurden renitente Sklaven „gespießt und gehangen“.
Ja, ich gestehe, ich war ein freiwilliger Eurojobber! Die anderen werden alle gezwungen!
Am Tage nach meinem Rauswurf saß ich zur „Morgenstund“ grübelnd im Park als eine Gruppe von Männern an mir vorüberzog, geschulterte Spaten, rote Armbinden mit weißem Kreis, darin ein großes schwarzes A,...wie wir vormals summten auch sie ein Lied:
© 2005 Hajo Freese
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