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Der Unwert des Unwissens (Robert Kurz – 2008) |
Verkürzte „Wertkritik“ als Legitimationsideologie eines digitalen Neo-Kleinbürgertums
Wenn der Gedanke radikaler Kritik durchgehalten werden soll, muss er sich der Verführbarkeit durch sogenannte „Praxis“ entziehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass kritische Theorie auf die reale Umwälzung der herrschenden Verhältnisse verzichten will. Aber eine tatsächlich umwälzende Praxis kann erst durch komplexe Vermittlungsprozesse hindurch herausgefunden werden, sie wird nicht schon vorgefunden in der Unmittelbarkeit, im Alltag, in der so seienden Immanenz; auch dort nicht, wo die Widersprüche sich bloß ausdrücken und zwar bearbeitet werden, aber keineswegs transzendierend. Alle soziale Bewegung beginnt zunächst als „Widerspruchsbearbeitung“, die den Kapitalismus nur anders interpretieren will; auch wenn sie sich selber für kapitalismuskritisch hält, ohne jedoch an kategoriale Kritik heranzukommen (vgl. dazu die grundsätzliche Auseinandersetzung zum verkürzten Praxisbegriff in EXIT! 4).
Das gilt ganz besonders für bestimmte Teil- oder Einpunkt-Bewegungen, Interessen- und Betroffenheits-Gruppen oder auch nur modische „Szenen“, die sich an bestimmten habituellen Momenten hochziehen bzw. sich in einem bestimmten und begrenzten Bezugsfeld bewegen. Alles, was hier optimistisch als „Praxis“ firmiert, kann zwar in verschiedener Weise Gegenstand kritischer Theorie sein, aber nicht ihr Referenzpunkt. Sich eine laufende immanente Praxis suchen, zu der man dann zwecks Eingemeindung und Menschenfischerei die Theorie liefert, das ist schon das Ende der Kritik. Theorie entspricht auf diese Weise nur ihrem Begriff als bürgerliche Reflexionsform einschließlich des Feld-, Wald- und Wiesenmarxismus, nämlich als bloße Legitimationsideologie und als ideeller Zulieferbetrieb für die ewige Widerspruchsbearbeitung ohne Sprengkraft gegen die Verhältnisse.
Die alte Wertkritik stand mit dem „Manifest gegen die Arbeit“ auf der Kippe, ob sie den theoretischen Anspruch der Kritik durchhält oder ob sie zurückfällt in ein unmittelbares „Anwendungsverhältnis“, um bestimmte „Szene“-Bedürfnisse zu bedienen. Diese entscheidende Differenz bildete ein Moment der „Krisis“-Spaltung, auch wenn dies für manche nicht sofort augenscheinlich wurde. Während EXIT! sich auf eine gesellschaftliche theoretische Öffentlichkeit bezieht, in der die Wirksamkeit sich eher in Form von Publikationen, Einladungen als ReferentInnen und inhaltlichen Rezeptionen zeigt als in Form einer Art nomadischer „Anhängerschaft“, hat sich bei Rest-„Krisis“ eine immer deutlichere „Szene“-Orientierung bemerkbar
Der komplette Text via EXIT! (pdf):[klick]
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