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Deutschlands sozialer Abstieg und die Gespenster der Vergangenheit

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In seinem jüngsten volkswirtschaftlichen Ländervergleich kommt Joachim Jahnke zu dem Befund, dass Deutschland in der neoliberalen Liga ganz vorne spielt. Die Geschwindigkeit, mit der ein Land mit einer sozialstaatlichen Tradition sich an die Spitze der Globalisierungs-Entwicklung gesetzt habe, sei kaum nachvollziehbar. Ein Erklärungversuch.
 
von Thomas Meese
 
Der Autor des Buches “Falsch globalisiert” hat in seinem Informationsportal Deutschland und Globalisierung zuletzt verschiedene augenöffnende Ländervergleiche zwischen den Wirtschaftsmodellen Alt-Europas vorgestellt und nach gewiesen, dass “Globalisierung” zwar überall statt findet, die damit verbundenen sozialen Verwerfungen in den europäischen Nationalstaaten jedoch erheblich unterschiedlich ausgeprägt sind.
 
Spitzenreiter im unbedingt weiter zu empfehlenden aktuellen internationalen Ländervergleich vom 20.06.2007 ist Deutschland dann auch nur bei den Unternehmensprofiten und den Einkommen der Top-Manager, während es bei der Lohnentwicklung, den öffentlichen Bildungsausgaben, der sozialen Mobilität, dem Rentenniveau und der Verteilungsgerechtigkeit im europäischen und im OECD-Vergleich Vergleichswerte im unteren und untersten Feld aufweist. Jahnkes’ Fazit:
 
Deutschland war einstens das Wunderland in sozialer Stabilität und erklärte sich sein Wirtschaftswunder auf eben diese Weise. Doch mit kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit hat es sich an die Spitze der neoliberalen Global-Entwicklung gesetzt. In nur wenigen Jahren ist Deutschland zu einem der unsozialsten unter den alten Industrieländern geworden und nun auf dem fast track in Neoliberalisierung.
 
Sehr zu empfehlen sind außerdem die im Informationsportal angestellten detaillierten Systemvergleiche mit dem skandinavischen Raum und den Alpenländern. Spitzenreiter in der Frage der gesellschaftsübergreifenden sozialen Integration ist hier das skandinavische Modell vor den Alpenländern (wo wiederum die Schweiz der Primus ist). Weit unterdurchschnittlich die deutschen Vergleichswerte.
 
Wenn nun die verschiedenen Volkswirtschaften sämtlich dem Modell der sog. “freien” Marktwirtschaft folgen und außerdem sämtlich dem globalen Wettbewerb unterworfen sind, dann ist Jahnkes’ Verwunderung über Deutschlands’ sozialen Abstieg innerhalb von weniger als zwei Dekaden berechtigt und ökonomisch allein nicht zu erklären. Anscheinend gibt es allem Gerede von dem “Diktat” der Globalisierung einen erheblichen politischen Handlungsspielraum, der in Deutschland relativ am wenigsten genutzt wird.
 
Warum ist dies so und warum gerade bei uns? -Helmuth Plessners’ Versuch erhebliche Defizite in der politischen Kultur Deutschlands durch sein “verspätetes” Eintreten in die Reihe der europäischen Nationalstaaten zu erklären erscheint mir auch heute noch ein fruchtbarer Ansatz zu sein. Ich werde zuerst Plessners’ grundlegende Thesen vorstellen und danach ausführen, warum ich sie nicht als überlebt ansehe.
 
Plessners’ These der “verspäteten Nation”
 
Plessner geht davon aus, dass die deutschen politischen und ökonomischen Eliten den Nationalstaatsgedanken wegen der späten Konsolidierung 1870/71 - im nihilistischen 19. Jh. also - und gegenläufigen territorialen Traditionen niemals in seiner sozialethischen Substanz verinnerlicht haben. Während die alten europäischen Nationalstaaten Frankreichs’ und Englands’ - aber auch die Vereinigten Staaten von Amerika - tief in der aufklärerischen und humanistischen Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts wurzelten, habe Deutschland dem nunmehr aufbrechenden Industrialismus und Spezialismus kein bannendes politisches Ideal entgegen zu setzen gehabt. Wissenschaftlich-technologisches Können und Beherrschen wurden zum alleinigen Ausdruck nationaler Selbst- und Fremdbehauptung, ohne noch durch die dem deutschen Staat fremde Idee des allgemeinen, gleichen und unentzweibaren Humanums westlichen Europäismus gebannt zu sein. Die so gegebene ideelle Losgebundenheit ermöglicht einerseits in Zeiten wirtschaftlicher Wachstumschancen unbändigen Entfaltungs- und Be(s)tätigungsspielraum. Andererseits wirken sich wirtschaftliche Krisensituationen in einem Nationalstaat ohne politische Tradition ungleich bedrohlicher aus, weil sie ihn unvermittelt in seine sozialethische Substanzlosigkeit werfen. Plessner spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Deutschland der Industrialismus - ursprünglich nicht mehr als ein rationales und effektives Machen-Können - zum geistigen Schicksal geworden war,
 
weil es zur Aufklärung geschichtlich ohne tiefere Beziehung ist, (muss Deutschland; Anm. d. Red.) unter dem Verfall der Wirtschaft auch geistig viel schwerer leiden als die westlichen Völker. Es ist in seiner Traditionslosigkeit widerstandsloser als sie. Der Fortschrittsglaube des wissenschaftlichen und industriellen Spezialismus ersetzte ihm den Mangel eines politischen Fortschrittsglaubens. (1982:101)
 
Viel vergangene Zeit - wenig Zeit der politischen Bewährung
 
Viele Jahrzehnte sind ins Land gegangen, seit Plessner 1935 im niederländischen Exil diese Gedanken entwickelt hat, die erst 1959 in Buchform in Deutschland erscheinen konnten. Viel Zeit - jedoch, wie ich meine, wenig Zeit der politischen Bewährung! Die bald nach dem zweiten, vernichtend verlorenen Krieg einsetzende Systemkonfrontation und das entschiedene Schlagen Westdeutschlands auf die Seiten der Westalliierten erlaubte es den deutschen politischen und ökonomischen Eliten - aberwitzig und unverdient genug - erneut das zu tun, was sie am besten konnten: zu Wirtschaften auf Teufel komm ‘raus! Zwar befand sich das Land unter Besatzung - aber wen störte das schon, solange Wachstum erzielt werden konnte - was nach einem Prozess der “schöpferischen Zerstörung” (Schumpeter) und mit starken Gläubigern westlich der Grenze der Systemkonfrontation selbstverständlich gegeben war. Man gab sich im Gefolge der re-education als geläuterter Musterschüler, präsentierte dem Klassenantagonisten östlich der Systemgrenze den Kapitalismus von seiner besten Seite und konnte im politischen Zweifel den Westalliierten um Rat fragen oder wurde vorsichtshalber beraten ohne überhaupt gefragt zu haben. Keine zwei Dekaden sind vergangen, seit wir diesem behaglichen Zustand entraten sind und wieder “souverän” sind. Und beinahe mochten wir selbst und unsere “Freunde” glauben, das westlicher Humanismus uns nicht nur aufoktroyiert worden ist, sonderndass wir denselben endlich auch verinnerlicht hätten.
 
Und hier ist auf den sozialen Einbruch zurück zu kommen, den Joachim Jahnke verwundert - wohl nicht zuletzt, weil er selbst an der “guten alten” Bonner Republik mit gearbeitet hat - in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten feststellt. Plessners’ Erklärung eines mangelnden politischen Fortschrittsglaubens, der auf Gedeih und Verderb durch wirtschaftlichen Erfolg kompensiert werden muss, erscheint auch heute nicht abwegig. Das Festhalten an der arbeitsmarkt- und sozialpolitisch schädlichen Exportweltmeisterschaft um jeden Preis (auch um den der Lohnkonkurrenz) ist ein Indiz dafür, wie nationalstaatliches Gedeihen offenbar ausschließlich realisiert werden kann. Die Hartz-Reformen - letztlich zur Realisierung der Lohnkonkurrenz - und mit welcher Hetze, Deklassierung und Stigmatisierung sie von der politisch-ökonomischen Elite gegen die Betroffenen durchgesetzt worden sind, sind weiteres Indiz dafür, dass der in der Aufklärung wurzelnde Humanismus des Europäertums auch im Deutschland der Berliner Republik nicht heimisch geworden ist. Eine “Schönwetter-Demokratie”, die, insofern Wolken am Wirtschaftshimmel aufziehen, allzu schnell mit ihrer politischen Kultur am Ende ist. Daran, wie unter diesen politischen Vorzeichen eine wirkliche Wirtschaftskrise durch zu stehen wäre, mag man nur mit Grauen denken.
 
:VorLese!
 
 
[Der :VorLeser! in seinem “Studio”, das eine Küche ist]
 
Aus Plessners’ “Die verspätete Nation”* habe ich aus den für den hier verhandelten Kontext entscheidenden Passagen ein Hörbuch gemacht. Die mp3-Dateien können hier herunter geladen werden: Teil 01 (Größe 6 MB/Dauer 27 min) und Teil 02 (Größe 5 MB/Dauer 21 min).
 
*Plessner, Helmuth (1982): Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. In: Plessner, Helmuth: Gesammelte Schriften. Band VI. Frankfurt.
 
Zur Vertiefung kann hier das Kapitel “Neue dunkle Zeitalter in der verspäteten Nation” als Auszug aus einer anderen Schrift von mir** gesondert als PDF-Dokument herunter geladen werden: [klick!]
 
**Meese, Thomas (2006:3ff.): “Ein-Euro-Jobs” (Maßnahmen gem. § 16.3 SGB II) als Formen der Zwangs- und Pflichtarbeit. Hamburg (online)
 
Der gesamte Beitrag kann alternativ hier als PDF-Dokument herunter geladen werden: [klick!]
 
copyright 2007-06-24 | redaktion@forced-labour.de

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