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Satire
Erinnerung an ein Frühlingsfest (Hajo Freese) |

Wahrlich, der Frühling vor vier Jahren trieb seltene Blüten und neue Pflanzen. Da gab es die Pflanze „Wernich füruns“, ein bushartiger Frühblüher, der die Macht des kommenden Frühlingskrieges schon ankündigte, obwohl es noch sehr kalt ist. Ein weiteres Pflänzchen machte sich bemerkbar, das Bellicum iracis, das schon bald ein kraftvolles Bagdadgrün zeigte, um uns dann mit seinen feuerroten Blüten zu erfreuen. Sein Lieblingsstandort ist der sandige Grund am Rande brachliegender Rumsfelder und an den Rändern gefüllter Gräber. Wie ferngesteuert rankten sich langsam die „Cruise missiles“ in die Höhe, die gern die Stadtgärten überwuchern, wenn man sie ins Kraut schießen lässt. Fast wie mit einem Paukenschlag begann das wüste Kraut zu wachsen, schoss förmlich aus dem Boden. Die Erde brach allerorten auf, begrünte sich so weit das Auge reicht und die Mutter aller Frühlingspflanzen, die Bombus majestaticus motheri, kurz MOAB genannt, entfaltete ihre ganze Pracht weithin sichtbar. „It goes kinetic”, sagte Gärtner Franks.
Der Mensch lässt sich gern von dem drangvollen Grünen in der Natur anstecken, er kleidet sich in olivgrüne frische Gewänder und die Allergiker wissen, jetzt heißt es Masken tragen, ABC-Schutzmasken gegen den unerwünschten Pollenflug. Sogar im Fernsehen konnte man sie bewundern, unter Schutzmasken und in Olivgrün berichteten sie davon, dass der Frühling ausgebrochen ist, heftig und in seiner ganzen Urgewalt. Einige scheinen das Fest des Frühlings allerdings ein wenig zu übertreiben, mit Böllerschüssen und allerlei sonstigen Explosivkörpern hantieren sie leichtsinnig auch in bewohnten Gegenden und natürlich gibt es da auch ernst warnende Stimmen.
Da gibt ein deutscher Dirigent Albrecht ein Frühlingskonzert und bittet vorher darum, anschließend nicht so ein Feuerwerk zu veranstalten. Aber das hätte er besser nicht getan. Der dänische Rundfunk droht dem Miesmacher sofort mit Entlassung, denn die dänische Regierung ist ein Anhänger von Feuerwerk und die Freude will man sich nicht verderben lassen. Dafür hat man schließlich extra amerikanische Spezialisten angeheuert.
Schüler in Hamburg wollen den Frühling begrüßen, zusammen mit ihren amerikanischen Freunden, sie wollen ihnen sozusagen ihre Frühlingsbotschaft überbringen, aber die Polizei ist der Meinung, dass diese „Pflänzchen“ erst noch gehörig Wasser brauchen. Da müssen Wasserwerfer her. Wasser marsch!
Weltweit aber sind die begeisterten Frühlingsfestanhänger anscheinend in der Überzahl, übermütig schießen sie allnächtlich Raketen in den Himmel, feuern ihre Böllerschüsse ab und ziehen in langen Konvois durch das Land. Dieses Jahr ist der Irak Haupttreffpunkt der Frühlingsanbeter. Irgendeiner hat den Irak ausgesucht. Manche wissen zu berichten, dass dieses Land von dem Festausschuss „Veris pentagonis“ ausgesucht und in der Fest-Agenda wolfowiczi als Austragungsort festgelegt wurde:
Zuerst ein Sternmarsch auf Bagdad und dann die große Abschlussfeier – so war es geplant.
Es wird berichtet, dass der Übermut der Teilnehmer schon Verletzte und Tote gekostet hat. Das hatte keiner gewollt, aber “the show must go on, we move on to Bagdad”.
„Heute war ein harter Tag für die Festteilnehmer“, sagte gestern vor vier Jahren der Sprecher und Anführer dieser wilden, frühlingstrunkenen Horden und ein gewisser G. Bush sagte dazu: Er trauere um alle Menschen, die bei dem Fest getötet wurden. Er habe um Gottes Beistand für die Trauernden gebeten. Wohlgemerkt: g e b e t e n .... nicht gebetet! Er meinte damit seine Landsmänner, die im friendly fire fielen.
Da staunte selbst der Festexperte Robert Killebrew: „Das ist entweder eine äußerst riskante oder eine äußerst brillante Strategie.“ Ein bisschen Verwüstung und ein paar Tote sind nicht auszuschließen bei einer so wilden Feier, aber wir haben ja Gott, den Allmächtigen Trostspender.
Die irakischen Menschen sind nicht einverstanden mit der Entscheidung des Veris pentagonis, sie wollten dieses Fest nicht und setzen sich immer heftiger zur Wehr. Darüber setzte sich das Festkomitee mit Gewalt hinweg und mit Hilfe von sogenannten „Psy-ops“ und ihrer Propaganda versuchen die Festteilnehmer, die Festgegner zu überzeugen und feiern jeden, der sich dem Festzug anschließt.... und feuern auf jeden, der das nicht tut
Die Propaganda für das Fest wird mit Flugblättern aus großen Flugzeugen abgeworfen, die man liebevoll mit dem Anfangsbuchstaben ihres Anführers benannt hat (B wie Bush), das sind die Bififtytu und jeder Abwurf wird als großer Sieg gefeiert. Man hat die Zettel extra weiß gemacht, damit man sie in diesem totalen Grün wiederfindet, Konfetti.
Derweil bewegt sich die „Karawane“ der Frühlingsfestanstifter durch das sich begrünende Tal des Tigris vorbei an idyllischen Ziegenherden mit ihren Hirten, die fähnchenschwenkend ihre Teilhabe an dem Fest zum Ausdruck bringen und ein CNN-Festberichterstatter, Walter Rodgers an Bord eines riesigen Kettenfahrzeuges mit Böllerschusskanone versucht dieses idyllische Bild einzufangen und ruft gerührt: „fahrt ’mal langsamer, Jungs!“ und weiter „da hinten kann man eine Herde Ziegen sehen!“
Es ist überwältigend, wie diese riesigen Einheiten an Beduinencamps vorbeiziehen. „So ein großes „Kamel“ haben die noch nie gesehen.“ Damit meint er den „Panzer“, in dem er sitzt und in dem er sich vorkommt wie im Bauch eines Drachen, der knurrt und kreischt. Embedded News! Festfernsehen live.
Der Frühling kommt mit Macht, alles ist schon grün, der Sand, die Menschen, die Ziegen, die Hirten und auch die Panzer. Let’s go kinetic. Übermütig wirft der Reporter einen „Washingdonner“ in die grüne Wiese und mäht damit alle Gänseblümchen ab.
Aufbruch! Erneuerung, ja das ist es, alles soll neu werden! Es ist an der Zeit, das Land, die Städte, die Menschen und selbst die Regierung zu erneuern. Frühjahrsputz! Die Städte zuerst!
Der berühmte Architekt Le Corbusier, der Erbauer der Stadt Brasilia hätte seine wahre Freude an diesem frühlingshaften Drang zur Erneuerung. Er würde jubeln, wenn er die Schneisen sehen könnte, die die Bushisten und Frühlingsfestanhänger in eine Stadt wie Bagdad bomben, damit eine neue Ordnung einkehren kann. Er hätte doch zu gern das Chaos in Sao Paulo, Rio oder gar Paris neu geordnet, indem er brutale Schneisen in die Städte hätte schlagen wollen.
Bestes Reality-TV zeigt uns ein ausschweifendes Fest, bei dem live gefeiert und live gestorben wird. Gesendet wird von allen Fronten, obwohl es die gar nicht gibt. Rund um die Uhr. Rund um den Globus. Fast wie beim Superbowl oder der Olympiade. Die Regie führt Donald Rumsfeld. Sie geben sich alle viel Mühe und doch hat der oberste Schirmherr dieser Festwochen, G. Bush, die Reporter ein wenig abgewatscht. Oscarverdächtig ist diese Live-Show nicht: „Tote zeigt man nicht, meine Herren und außerdem habe ich bessere Informationsquellen.“
Da sind die Herrschaften von ABC, CNN und Fox und MSNBC dann doch etwas beleidigt, aber sei’s drum. Es wird weiterberichtet und –gefilmt, immer das Gleiche: eine Rakete fliegt tausendmal in den Himmel, immer dieselbe, immer derselbe Panzer rollt mit einer Staubfahne durch die Wüste, immer dasselbe grüne Bagdad ohne Menschen. Embedded journalist ist das Markenzeichen einer neuen Generation von Video-Künstlern, die ihre Ehre, ihre Ehrlichkeit und ihre Ethik irgendwo im Nirgendwo verloren haben. Einer von ihnen wollte das nicht mitmachen, wollte sehen, was wirklich bei diesem Fest alles passiert. Er hat mit dem Leben bezahlt.
Sogar G. Bush hat inzwischen eine grüne Bomberjacke an, die Toten sind grün und auch der Himmel über dem grünen Bagdad ist so grün wie noch nie – eine grüne Hölle und sein Fürst.
Nur eins will nicht recht grünen – die Hoffnung auf einen Friedensfrühling.
©2007 Hajo Freese
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