Main Content
Aktuelles
Gesellschaftskritik und Prekariat |
erschienen in der Jungen Welt
am 16.07.2007
am 16.07.2007
Gesellschaftskritik und Prekariat
Das neue Heft der Zeitschrift Exit!
Gerda Kruss
Das zunehmende Verschwinden von großen Teilen der Mittelschicht im Prekariat thematisiert das Editorial der vierten Ausgabe der Theoriezeitschrift Exit!. Nach Ansicht der Redaktion – vor zwei Jahren aus einer Spaltung der Krisis-Gruppe hervorgegangen – ist die Betroffenheit linker Intellektueller über die weitere Ausdünnung der Sozialbudgets vor allem darauf zurückzuführen, daß es ihnen jetzt auch persönlich ans Portemonnaie geht. Fatalerweise resultiere daraus jedoch nicht eine Radikalisierung der Gesellschaftskritik, sondern eine verzweifelte Suche nach individuellen Auswegen. So akzeptierten Teile der Linken im Zuge der Grundeinkommensdebatte immer niedrigere Regelsätze, wenn dafür im Gegenzug die Zuverdienstgrenze angehoben würde.
Robert Kurz untersucht das Praxis-Problem in der Theoriegeschichte der Linken. Er interpretiert die 11. Feuerbachthese von Marx so, daß kritische Theorie oder theoretische Kritik »auf ihrem eigenen Feld so radikal entwickelt werden, daß sie überhaupt über sich hinausgehen und damit eingehen kann in eine radikale Umwälzung der wesenhaft zu negierenden realen Verhältnisse«. Die Fehlinterpretation der These als eines Aufrufs zum politischen Handeln habe zusammen mit dem falschen Verständnis des Marxschen Fetischbegriffes zu einem verkürzten Praxisbegriff in der traditionellen marxistischen Linken geführt. Anstelle einer Radikalkritik der kapitalistischen Warenproduktion seien lediglich Verteilungskämpfe theoretisiert und geführt worden. Den philosophischen Tiefpunkt der Linken sieht er bei Foucault und dem Post-Operaismus. Foucault habe die Kritik am kapitalistischen System auf eine Kritik zusammenhangloser Einzelphänomene reduziert; an die Stelle der Überwindung des Systems sei die »Verschiebung von Macht« getreten. Der aus dem berechtigten Widerstand gegen die Zumutungen der fordistischen Fließbandproduktion entstandene Operaismus sei lediglich eine ideologische Rechtfertigung für Sabotage. Mit der »kämpfenden Multitude« von Hard/Negri sei er bei der »Foucaultschen Atomisierung der Kritik« gelandet.
Carsten Weber untersucht die Ursprünge der Skrupellosigkeit und Vernichtungsbereitschaft der modernen kapitalistischen Gesellschaft in der Vormoderne. Claus Peter Ortlieb dokumentiert seinen Dialog mit Jörg Ulrich über die »metaphysischen Abgründe der modernen Naturwissenschaften«; Roswitha Scholz beschreibt in ihrem Beitrag den Antiziganismus als zentrale Form der Barbarei der zivilisierten Moderne, weshalb auch die Verbrechen der Nazis an den Sinti und Roma bis heute nicht vollständig aufgearbeitet seien.
Exit! – Krise und Kritik der Warengesellschaft, Nr. 4/2007, Horlemann-Verlag, Bad Honnef 2007, 264 Seiten, 13 Euro
Quelle: EXIT!
zurück
Ihr könnt diese Seite als rss feed abonnieren oder anschauen ![]()


