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Im Grunde realistisch (Gruppe 180°)

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Im Grunde realistisch...
»Die Erwerbsarbeit muss zentral bleiben für die Organisation unseres Sozialstaates.
Das Ziel der Vollbeschäftigung dürfen wir nicht aufgeben.«
Andrea Nahles (SPD)
»Am Ziel der Vollbeschäftigung selber sollten wir festhalten. Weil wir tatsächlich das Ziel haben sollten: Arbeit für alle.«
Michael Sommer (DGB-Vorsitzender)
»Ganz konkret gilt auch: Vollbeschäftigung ist machbar.«
Guido Westerwelle (F.D.P.)
Der Ruf nach Arbeit und die dauernde Betonung ihrer segensreichen Wirkungen macht eins deutlich:
Arbeit ist in dieser Gesellschaft eine wesentliche Größe. Ohne Arbeit geht nicht viel. Wir leben
in einer Arbeitsgesellschaft. Ziel ist nach wie vor, dass alle Arbeit haben. Vollbeschäftigung heißt
das und wird allenthalben eingefordert.
 
Vermittlung über Arbeit
 
Diese Schwerpunktsetzung der Politik auf Arbeit ist Ausdruck der Tatsache, dass der tatsächliche Zugang zu den von der Gesellschaft produzierten Gütern und Dienstleistungen an Arbeit gekoppelt ist. Wenn ich arbeite, stelle ich in aller Regel nicht Dinge her, die für mich bestimmt sind. Ich produziere vielmehr etwas, das dann von anderen genutzt wird. Und andere produzieren das, was ich benötige. Damit wird meine Arbeit zum Mittel, mir die Arbeit anderer aneignen zu können. Nicht direkt natürlich. Aber letztlich eben doch, wenn auch vermittelt über das Geld.
 
Zu dieser gesellschaftlichen Handlungsform gibt es dann auch eine passende Ideologie: das Leistungsprinzip. Gemäß dieser Annahme wird davon ausgegangen, dass der eigene gesellschaftliche Status ebenso wie die Möglichkeiten, auf gesellschaftlichen Reichtum zugreifen zu können, ein direktes Ergebnis der persönlichen (Arbeits-)Leistung wären. Darin wird dann ein Unterschied zu feudalen Gesellschaften gesehen, in denen die persönliche Lebenssituation weitestgehend durch Geburt oder göttliche Auserwähltheit vorgegeben zu sein schien. Das Leistungsprinzip erscheint somit als demokratische und aufklärerische Errungenschaft über jede Kritik
erhaben. Dabei lassen sich durchaus einige sehr wesentliche Probleme ausmachen, die das Leistungsprinzip unter einem weniger rosigen Licht aufscheinen lassen.
 
So muss jede Form von Tätigkeit, soll sie über den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe entscheiden, in einer allgemeingültigen Form ausgeübt werden, die einen Vergleich der unterschiedlichen Tätigkeiten möglich macht. Praktisch heißt das: es muss Lohnarbeit sein – oder eben warenproduzierende Arbeit. Es gibt jedoch eine ganze Reihe Tätigkeiten, die für das Selbstverständnis und das Funktionieren dieser Gesellschaft notwendig sind, die aber außerhalb von Ware-Geld-Beziehungen ausgeübt werden. Und die auch nur schwerlich in diese zu integrieren sind. Das gilt für die Tätigkeiten, die gemeinhin als „Hausarbeit“ bezeichnet werden ebenso wie für „zivilgesellschaftliches“ oder „ehrenamtliches“ Engagement. Kaum jemand würde sagen, diese Tätigkeiten wären unwichtig oder Ausdruck von Faulheit. Gesellschaftlich anerkannt durch das Leistungsprinzip werden sie aber trotz allem nicht.
 
Das wäre aber auch gar nicht wünschenswert. Denn das Leistungsprinzip sorgt dafür, dass Arbeit zum Selbstzweck wird. Es geht nur noch darum zu arbeiten. Egal ob die Tätigkeit objektiv wünschenswert ist oder nicht – Hauptsache der anonyme Markt nimmt die Waren ab. Da kann es dann auch plötzlich sinnvoll sein, Waren so zu produzieren, dass sie nach Ablauf der Garantie möglichst schnell kaputtgehen – um dann Ersatzprodukte verkaufen zu können. Das wird dann als Leistung angerechnet – ist doch aber realistisch betrachtet nur eine riesige Verschwendung von Lebenszeit.
 
Und auch der Unterschiedlichkeit der menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse wird das Leistungsprinzip nicht einmal im Ansatz gerecht. Hier werden nicht nur alle Tätigkeiten, sondern auch alle Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Wünschen, Bedürfnissen und Befindlichkeiten über einen Leisten geschlagen. Besondere Vorlieben, persönliche Schwächen oder einfach nur das bisschen Individualität, die verschiedene Menschen eben verschieden ausbilden, dass uns ja letztlich zu dem macht was wir sind – alles das ist hier fehl am Platze. Mit der Gleichsetzung der Arbeiten im Leistungsprinzip macht der Kapitalismus letztlich genau das, was er am realexistierenden Sozialismus (zurecht) immer kritisiert hat: er macht die Menschen statt zu Individuen zu einfachen, austauschbaren
Nummern.
 
 

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