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:Lesenswert! Bürgergeld statt Bürgerkrieg - Ein Drehbuch von Ines Eck

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Die Berliner Autorin, Künstlerin und Online-Editorin Ines Eck hat eine szenische Folge aus Deutschland im Hartz IV vorgelegt. Die Szenen, die sich kafkaesk in und um das Labyrinth des Hartz-Systems (das “Schloß”) ranken, wirken, weil und insofern sie absurde Elemente auf weisen, authentisch. Die Protagonistin “Blond” - glühende Verfechterin eines bedingungslosen Grundeinkommens - sieht das Land an der Wegscheide zwischen Bürgergeld oder Bürgerkrieg.
 
von Thomas Meese
 
Die Menschenwidrigkeit einer verfehlten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ist mit künstlerischen Stilmitteln frappierender auf den Punkt zu bringen, als dies sozialwissenschaftliche Analysen i.d.R. vermögen. So hören wir Janosch, den Partner von Blond, die (einzige) Perspektive eines Hartz-Vierers in einem Satz zusammen fassen:
 
Wenn ich der asozialste Arbeitslose geworden bin, habe ich in diesem System das Spiel gewonnen. (S. 25)
 
Uns werden - neben den ständig wechselnden Arbeitsvermittlern - die Archetypen der Deutschland AG vor gestellt: Unternehmer, Rechtsanwälte, Ärzte, (gekaufte) Politiker, (gekaufte) Journalisten, (gekaufte) Wissenschaftler auf der einen Seite des sozio-ökonomischen Zaunes und auf der anderen deren Opfer.
 
Die Struktur der Strophe aus Brechts’ Alfabet (1934):
 
Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
 
begegnet uns szenisch immer wieder in den Herr-und-Knecht-Verhältnissen, etwa bei den unzähligen Unterredungen, die Blond mit ihren zahllosen “Arbeitsvermittlern” hat. Und wie Herr K. vergeblich den Zuständigkeiten im “Schloß” hinter her jagt (S. 122ff.), so werden die Verantwortungen der unermüdlichen Blond gegenüber hin und her geschoben: zwischen “der Politik”, den Sachbearbeitern, der Rechtsabteilung, den Gerichten und zurück.
 
Von “den Politikern” schneidet nur eine gut ab, die laut Regieanweisung eine PDS-Vertreterin ist, Ähnlichkeit mit Katja Kipping auf weisen soll und sich, weil sie für eine bedingungslose, repressionsfreie Existenzsicherung ein tritt, sogar einen Kuss auf die Wange von der Protagonistin verdient hat (S. 112ff.).
 
Auch an anderen Stellen gelingt es der Autorin immer wieder Realitätsbezüge her zu stellen. Der Leser muss sich vor demonstrieren lassen, dass das Absurde wirklich ist und die Wirklichkeit absurd. Meisterlich gelingt dies, wenn wir einen Ökonomieprofessor sagen hören (S. 22), Menschen, die existenziell bedroht sind, brauchten einen regulierten Markt zum Verkauf von Organen, und die Autorin einen weblink einfügt, der aus der “wirklichen Welt” stammt, in der der Bayreuther Ökonom Peter Oberender im Deutschlandradio sagt:
 
Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben.
 
Die im Hartz-Vollzug ihrer Bürgerrechte, ihre materiellen Lebensgrundlage, ihrer Perspektiven und ihrer auskömmlichen Arbeit Beraubten finden sich in Szenen der Verzweiflung, Sehnsucht und Weglosigkeit wieder. Die einen geben sich der Korrumption Preis und die anderen sterben eines eher weniger als mehr natürlichen Todes. Und dies ist - wenn es dann solches geben soll - unseres Ermessens auch die Moral dieses Stücks: dass das System Anreize setzt, die zwar mafiöse Strukturen und Subalternität befördern, das Menschentum jedoch verraten.
 
Bei der oben bereits erwähnten Begegnung, die Blond mit der PDS-Politikerin hat, vorschlägt sie:
 
Wir könnten in einer Demokratie leben, sobald Politiker für nicht erbrachte Leistungen haftbar gemacht werden können - wie andere Vertragspartner auch.
 
Die Politikerin, damit konfrontiert, dass sie ihr Engagement dann nach weisen müsste, sagt, dass sie davor keine Angst habe und wir fühlen uns an jenes merk- und denkwürdige Gespräch erinnert, welches Max Weber nach der ersten deutschen Katastrophe mit General Ludendorff hatte, bevor man sich daran gewöhnt hat, die von deutscher Politik verursachten Katastrophen zu nummerieren (wir haben berichtet).
 
Ein gelungenes Drehbuch, welches die Anliegen, die auch uns bewegen, “zwischen Journalismus und Literatur” (wie die Autorin schreibt), gültig transportiert. “Gott hilft nicht”, legt Blond sich gleich zu Anfang (auf S. 1) fest. Wir hätten sie lediglich gern gefragt, ob diese Erfahrung in der Revolte gegen ein zutiefst nihilistisches System - die alte Erfahrung des Hiob - nun auch besagt, dass Gott nicht existiert - oder ob ER nicht doch vielleicht da sein wird als der, als der ER da sein wird (vgl. Ex. 3,14) ? -Wir können Blond nun leider nicht mehr fragen.
 
Das Drehbuch von Ines Eck kann als PDF-Dokument herunter geladen werden hier: [klick!] (es handelt sich hiermit um einen externen link, auf dessen Verfügbarkeit, Gestaltung und Umgestaltung die Redaktion von forced-labour.de keinerlei Einfluß hat).
 
Wir hier bei forced-labour.de finden, dass es notwendig ist, andere Medien und Ausdrucksformen zu ergreifen, als die ewige “Wundschreiberei”, um unser Anliegen zu transportieren. Deshalb appellieren wir an alle, die die Fähigkeiten und die Arbeitsmittel zur Verfügung haben, sich mit der Autorin in Verbindung zu setzen und dieses Film-Projekt zu realisieren, damit wir hier demnächst auf die DVD zu “Bürgergeld statt Bürgerkrieg” aufmerksam machen können.
 
Kontakt zur Autorin: ines.eck@textlandschaft.de
 
copyright 2007-09-09 | redaktion@forced-labour.de
 

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