Hajo DF

Nachhilfe in Mathe

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„Non vitae, sed scolae discimus!“ Das beklagt schon Seneca im 106. Epistel.

Raffinierte Pädagogen und wohlmeinende Väter haben das später extra umgedreht, weil sie uns ein X für ein U vormachen wollten. Nicht mit uns! Und an den Tatsachen kann man ja auch nicht vorbeisehen. Mich hat das oft am lernen gehindert, weil ich nicht wusste, wozu ich soviel Quatsch im Leben brauchen sollte.

 

Deshalb waren meine Leistungen auch nicht immer so, wie die Lehrer es sich wünschten und sie schrieben jedes mal einen blauen Brief an meinen Vater. Immer dasselbe: die Versetzung ist gefährdet! Erst gab es Mecker, dann gab es „Nachhilfe“. Unser Vater machte sich an die hehre Aufgabe, meine schulischen Leistungen zu verbessern. Die Methode war so subtil wie wirkungsvoll. Beim Mittagessen fragte er nach den Hausaufgaben und abends ließ er sich die Hefte zeigen. Manchmal musste ich die Hefte auf die Truhe im Flur legen, damit er sie spät abends noch kontrollieren konnte. Mit den Geschwistern lief das auch so und dann lagen die Hefte dort stapelweise. Auf diese Art merkte unser Vater, ob wir alles verstanden hatten. Da, wo Fehler waren, hakte er genau nach, aber ganz genau.

 

Bei mir haperte es meistens zum Herbst in Mathe. Unser Vater „half“ mir, die euklidischen Regeln besser zu verstehen. Hierfür benutzte er einen Lehrsatz, der das Verständnis für Mathematik erheblich erleichtern sollte: Statt Oder musst du Elbe sagen!

Dieser Satz machte den „Pythagoras“ unbedeutend, so schien es mir zumindest.

Diesen Satz musste man verstehen und schlafwandlerisch anwenden können, dann war Mathe ein Kinderspiel. Heute ist mir der Satz sonnenklar, auch wie das mit dem Malnehmen und Teilen ist. Doch zurück zur Nachhilfestunde:

 

„Das Teilen ist nur umgekehrt, also in Wirklichkeit nur malnehmen von hinten, sozusagen !“ Aha. „Ja, und deshalb brauchst du statt Oder nur Elbe zu sagen.“

Aha. „Und das Malnehmen ist nichts anderes als zusammenzählen. Zwei mal Zwei ist Vier! Also, du zählst einfach nur eine Zwei“ - ...oh ja, eine Zwei wäre schön, da würde Herr Panzer aber blöd gucken und die Klasse staunen – „und noch eine Zwei zusammen. Pass gefälligst auf! Du bist schon wieder mit deinen Gedanken ganz woanders.“

 „Mhm, ja, ja.“ „Was, ja, ja? Wie viel ist nun zwei und zwei ?“ Ja, das war ja einfach, das ist natürlich vier!

„Richtig, statt Oder musst du Elbe sagen!“

„Ja, aber das mit den Prozenten ?“ Eigentlich waren es nämlich die Prozente, die mich quälten und nicht zwei und zwei.

„Da gilt das gleiche! Statt Oder musst du Elbe sagen.“ Ich verstand damals gar nichts mehr und überlegte dauernd, wie viel Prozent Oder von Elbe ist. Ich fand nur ein e und das waren wenig Prozente.

„Aber das ist doch sonnenklar“, Vatis Tonfall klang schon etwas genervt, „bei den Prozenten bezieht man alles auf Hundert!“ Das verstand ich, denn unser Vater war schon fast auf hundert. „Dann ist Hundert der Teiler..., also geteilt durch hundert!“ „Dann sind Prozente wie teilen?“, fragte ich noch mal unsicher nach. „Ja, Prozent ist wie teilen, und teilen ist wie malnehmen von hinten und malnehmen ist nichts weiter als zusammenzählen. Statt Oder musst du Elbe sagen!“ Aha. Die Nachhilfe war damit beendet und ich kam trotz dieses Lehrsatzes mit Mathe nicht so richtig klar.

 

In einem ganz anderen Fach erzielte ich mit Hilfe dieses Satzes allerdings einmal einen richtigen Erfolg, in Erdkunde. Herr Panzer, der auch mein Erdkundelehrer war, liebte es, uns abzufragen. So „spielte“ er gerne Stadt, Land, Fluss mit uns: was liegt wo an welchem Fluss? Diesmal fragte er nach Hamburg.

Hinterhältig, wie er war, fragte er: „ An welchem Fluss liegt denn Hamburg? An Rhein oder Weser?“ Schweigen, so eine blöde Frage, da war ich doch noch nie! „Na, an Rhein oder Weser?“ hakte er noch mal nach. Da kam mir die Erleuchtung: statt Oder musst du Elbe sagen! „ Elbe, Herr Panzer, Elbe !“ Ich war ungefragt herausgeplatzt. Bingo, Volltreffer! Aber, wie gesagt das war in Erdkunde und nicht in Mathe.

 

Heute sind mir die Zusammenhänge vollkommen klar, auch wenn ich finde, dass dieser indirekte bildliche Vergleich etwas hinkt. Fritz Reuter hat das mit einem ganz ähnlichen Lehrsatz auch versucht: Statt Elbe musst du Nordsee sagen. Aber damit hat das auch schon nicht so richtig geklappt.

Eigentlich hinkt dieser Vergleich ziemlich doll, finde ich. Er ist sozusagen der „Einbeiner“ unter den hinkenden Vergleichen!

Aber genützt hat er doch - denn ich habe von da an etwas mehr für Mathe getan. Allein! Vielleicht wollte ich diesem Lehrsatz entgehen.



aus: Familiengeschichten

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